Akiva Orr (1931-2013)

Akiva Orr und Shimon Tzabar, London 1989

Akiva Orr und Shimon Tzabar, London 1989

„Der Revolutionär von Tel Aviv“ war der Nachruf überschrieben, der Mitte Februar in der israelischen Tageszeitung Ha’aretz erschien und der Öffentlichkeit von Akiva Orr berichtete, kurz nachdem er leblos in seinem Haus in dem kleinen Örtchen Tenuvot aufgefunden wurde. Denn wie kaum ein anderer verkörperte Akiva Orr die Geschichte der israelischen Linken, die sein Leben zu einer einzigartigen israelischen Biographie ebenso wie eine Biographie Israels werden ließ. Der marxsche Imperativ, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, war ihm ein politisches Motiv ebenso wie ein persönliches Anliegen. So stand er, den seine Freunde nur Aki nannten, für eine Herzenshöflichkeit im Umgang und eine wohlwohlende Anerkennung seines Gegenübers, die ihresgleichen suchte. 82 Jahre war er alt, als sein Leben am 9.Februar dieses Jahres zu Ende ging.

Gestorben ist Akiva Orr in Israel. Geboren wurde er indes in Berlin mit dem Namen Karl Sebastian Sonnenberg. Das war im Juni 1931, nachdem seine Eltern von einem längeren Aufenthalt in Buenos Aires wieder in die Stadt zurückgekehrt waren. Sein Vater, Benedikt Sonnenberg, der einer jüdischen Familie im polnischen Łódź entstammte, war als Bankkaufmann ausgebildet, in Berlin aber ohne Anstellung geblieben. Die Mutter, Ilse Davis, Tochter einer Familie deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, arbeitete zuvor als Zeichnerin und gestaltete Karikaturen für die renommierte Satirezeitschrift Ulk. Keine drei Jahre nach der Geburt des einzigen Kindes verließ die Familie Deutschland erneut, diesmal erzwungenermaßen. Dass ihr Sohn seiner Herkunft wegen einmal auf einer Schulbank abgetrennt von seinen Mitschülern sitzen sollte, wollte die Mutter ebenso wenig erdulden, wie sie es nicht ertragen konnte, dass der noch kleine Junge im Stadtpark einem Nazi mit gehobenem Arm den Gruß erwiderte. Palästina war dabei keineswegs die erste Wahl der baldigen Emigration, zumal die Eltern dem zionistischen Projekt bisher kaum Beachtung geschenkt hatten. Der Bruder der Mutter, erinnerte sich Akiva Orr später, galt seiner revisionistisch zionistischen Haltung wegen viel eher als das „schwarze Schaf“ der Familie. Das Affidavit zur Auswanderung in die Vereinigten Staaten hatten sie nur deshalb verfallen lassen, weil sie die Einsamkeit in der Ferne fürchteten, aber um besagten Bruder in Palästina wussten. So fühlten sie sich eher als Besucher in einem Land, in dem sie zwar bleiben sollten, sich aber niemals als vollständig zugehörig ansahen.

Anders verhielt sich das mit ihrem Sohn, der noch keine drei Jahre zählte, als sie mit dem Schiff am Hafen von Jaffa landeten. Tel Aviv wurde seine Heimat, das Hebräische seine Muttersprache und sein Zuhause der Strand. Ein „Beachboy von Tel Aviv“ war er − so wollte sich Aki Orr später an seine Jugend erinnern; einer der in den Jahren 1946 und 1947 die landesweiten Meisterschaften im Schwimmen gewann: Ebenbild jenes zionistischen Mythos vom Sabra, „der aus dem Meer kam“ und ohne Vergangenheit war. Dem wollte er auch in seinem Namen Ausdruck verleihen. Einer ganzen Generation gleich ließ er die mit den Eltern verbundene Vorgeschichte hinter sich und verwandelte sich aus Karl Sebastian Sonnenberg in Akiva Orr. Aus dem Kind europäischer Juden war ein neuer Hebräer geworden. Und dennoch sollte mehr von der Vergangenheit der Eltern in dem Sohn fortleben, als allein der Widerschein des deutschen Familiennamen im hebräischen Orr (Sonnenlicht) oder seine muttersprachlichen Kenntnisse der von den Nazis noch nicht kontaminierten deutschen Sprache zu erkennen gaben. Eine gewisse Distanz gegenüber dem entstehenden Gemeinwesen in Palästina war schließlich auch dem Sohn zu eigen, der den weltanschaulich aufgeladenen Jugendbewegungen des Landes ebenso fern blieb, wie er in den rhetorischen Fähigkeiten des Staatsgründers Ben-Gurion eher politische Propaganda zu erkennen meinte. Vor allem aber war es das tief empfundene Unbehagen der Eltern angesichts einer Selbstabschließung des Jischuws gegenüber den palästinensischen Arabern, das auf den Sohn überging. Ihr Ideal der Gleichheit des Individuums unter Absehung der Herkunft stieß sich jedenfalls an der herauf brechenden nationalen Konfrontation. „Es war ein Fehler, dass wir in Palästina geblieben sind,“ erinnerte sich Orr später an die resignierenden Worte seines Vaters. „Ich habe nicht vorausgesehen, dass es hier einen nationalen Konflikt gibt, der alle Energie auffrisst. Das ist ein verschwendetes Leben. Wir hätten nach Amerika auswandern sollen, aber jetzt bin ich zu alt, um noch einmal ein neues Leben anzufangen.“

Seine eigene politische Initiation erlebte Akiva Orr während des legendären Seemannsstreiks von Haifa im Herbst des Jahres 1951. Im israelischen Staatsgründungskrieg hatte er zuvor in der Marine gedient, war danach als Matrose zur Handelsschifffahrt übergewechselt und beteiligte sich auf dem Frachtschiff „Tel Aviv“ nun an dem Aufstand. Der Streik von Haifa, erinnerte sich Aki Orr später, war so etwas wie das „Kronstadt von Israel“: eine demokratische Erhebung gegen die bestehende politische Ordnung. Kam der Auseinandersetzung ihre Bedeutung doch kaum wegen der anfänglichen Forderungen nach höheren Löhnen zu; zur Debatte standen vielmehr die politischen Voraussetzungen des ökonomischen Konflikts selbst. Mit der Forderung nach einer demokratischen und unabhängigen Vertretung ihrer Interessen hatten sich die Seeleute hier gegen ihre bisherige Organisation der Histadrut selbst gewandt, weil deren eingesetzte statt gewählte Bürokraten den Verlauf des Streiks gegen die Seeleute zu kontrollieren beanspruchten. Und ebenso wie die Seeleute damit die Axt an die Grundfesten der Histadrut legten, die in den 1920er Jahren weniger als Gewerkschaft denn als politische Arbeiterorganisation zur Gründung eines jüdischen Staates in Palästina gegründet worden war, demonstrierte Ben-Gurion mit seiner polizeilichen Niederschlagung des Streiks das Beharren auf der politischen Kontrolle des Staats über die sozialen Konflikte, sobald diese mit den Interessen des politischen Gemeinwesens in Widerspruch gerieten. Damit wurde der Seemannsstreik für Orr aber nicht nur zu seiner ersten „aufklärerischen Enttäuschung“ über die Struktur von Staat und Gesellschaft des neuen Gemeinwesens. Zugleich war er der Ausgangspunkt seiner fortwährenden Forderung nach Transparenz und Demokratisierung gesellschaftlicher Institutionen. Als Nimrod Eshel, der Kopf des Seemannsstreiks, viele Jahre später dessen Geschichte schrieb, setzte er auch Akiva Orr ein bleibendes Denkmal. Unter dem Namen Ami Sonnenfeld tauchte auch er in der Geschichte auf: als ein Matrose, der seinen Glauben an Trotzki und Bakunin ebenso wie an Che Guevara und Fidel Castro gehängt hatte.

Der Seemannsstreik führte Akiva Orr in die Politik. Gemeinsam mit Nimrod Eshel trat er der Kommunistischen Partei Israels bei, da diese sich auf den Seiten ihrer Parteizeitung am entschiedensten mit den streikenden Seeleuten solidarisiert hatte. Ohne starkes ideologisches Bekenntnis zur Partei gekommen, sollte Orr indes auch hier nicht dauerhaft verbleiben. Schon bald erkannte er, dass es sich bei der Partei um kaum mehr als eine Filiale der einen, der großen Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu handeln schien und an deren bedingungslosen Loyalität zur Mutterpartei kaum zu rütteln war. Als die geheimen Offenbarungen über die stalinistischen Verbrechen, die Nikita Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU vorgetragen hatte, eine globale Vertrauenskrise in das einstige „Vaterland der Revolution“ einleiteten, gehörte Akiva Orr zu den Wegbereitern einer israelischen Entstalinisierung und der Entstehung einer Neuen Linken in Israel. Gemeinsam mit seinem Freund Moshé Machover, mit dem er in Jerusalem inzwischen nicht nur Mathematik studierte, sondern an der Hebräischen Universität auch der gleichen Parteigruppe angehörte, begannen die beiden Dissidenten allmählich Fragen zu stellen, die in er der Partei kaum jemand hören wollte. Das waren nicht nur Fragen danach, warum die Sowjetunion die revolutionären Bewegungen von Kuba bis in den Irak zu verraten hat. Das waren auch Fragen über die Vergangenheit der eigenen, der Kommunistischen Partei in Palästina, und warum deren Geschichte nicht geschrieben war – immerhin zielten derlei Fragen darauf, dass auch die Parteiführung Palästinas den stalinistischen Säuberungen der dreißiger Jahre zum Opfer gefallen waren. Im Mittelpunkt stand aber die Frage, warum all jene Ungereimtheiten nicht offen zu diskutieren waren und die Partei sich einer inneren Demokratisierung versperrte. Doch nicht allein damit hatten Akiva Orr und Moshé Machover in der Partei den Unmut der damaligen Parteiführung auf sich gezogen. Für Verstimmungen sorgte zudem das Buch Shalom, Shalom we-ein Shalom – Frieden, Frieden und doch kein Frieden –, das die beiden 1961 unter dem Pseudonym A. Israeli veröffentlicht hatten und hier Israels Konflikt mit der arabischen Welt seit dem Jahre 1948 auseinandersetzten. Denn auch wenn Akiva Orr Monate und Jahre in der Jerusalemer Nationalbibliothek verbrachte, um das Kalte-Kriegs-Mantra der eigenen Partei zu belegen, demzufolge der Konflikt mit den arabischen Nachbarstaaten seinen Ursprung in Israels außenpolitischer Bindung an die westliche, zum Teil noch kolonial verfasste Staatenwelt, habe, begann sich demgegenüber eine andere Deutung in den Vordergrund zu drängen: jene vom Palästinakonflikt und des unauflöslichen Zusammenhangs von jüdischer Staatsgründung und palästinensischer Katastrophe. Im Israel der 1950er und frühen 60er Jahre, wo die Palästinafrage und die Existenz eines palästinensischen Volkes durch die Rede von einem zwischenstaatlichen Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn verdeckt blieb, gehörten Akiva Orr und Moshé Machover zu den ersten, die den verborgenen Staatsgründungskonflikt wieder offen legten. Darin bestand die Vorreiterrolle des Buches, das nun den letzten Stein des Anstoßes für den Ausschluss aus der kommunistischen Mutterpartei lieferte.

Zupass kam ihnen der Ausschluss allemal. Denn gemeinsam mit Machover, Oded Pilavsky, Haim Hanegbi und anderen gehörte Akiva Orr im Herbst 1962 zu den Gründern der Israelischen Sozialistischen Organisation, die später unter dem Namen ihrer Zeitung Matzpen (Kompass) Bekanntheit erlangen sollte. Matzpen, das war die Neue Linke Israel, die recht eigentlich alles vereinte, wofür die Erfahrung Akiva Orrs stand: die Forderung nach einer Auflösung der Histadrut, eine Solidarisierung mit den kommunistischen Dissidenzbewegungen Osteuropas ebenso wie die neulinke Zukunftshoffnung eines sich global ausbreitenden Sozialismus. Für nichts aber stand Matzpen deutlicher ein, als für die Neubetrachtung des Palästinakonflikts. Lange bevor der Sechstagekrieg die Palästinafrage wieder in das Zentrum der öffentlichen Auseinandersetzung rückte, betonte Matzpen bereits, dass dem nationalen Gegensatz zwischen israelischen Juden und palästinensischen Arabern ein kaum lösbarer Charakter zukomme. Immerhin handelte es sich nicht um einen klassischen Territorialkonflikt, sondern um den Zusammenstoß einer sich ansiedelnden mit einer vorgefundenen Bevölkerung. Als Konflikt um die Gründung und Aufrechterhaltung eines jüdischen Nationalstaats in einer mehrheitlich arabischen Umwelt schien er jedenfalls unversöhnlich. Eine solche historische Beschreibung der Konfliktstruktur hatte der Gruppe in Israel schnell den Vorwurf des Verrats und einer einseitigen Parteinahme für ein palästinensisches Recht auf Selbstbestimmung und gegen die jüdisch-israelische Existenz eingebracht. Im Zeitalter von arabischer Dekolonisation und nationalen Unabhängigkeitsbewegung war eine solche Analyse jedoch durchaus von der Sorge um die eigene nationale Existenz im Nahen Osten angetrieben. „Jeder Mensch in Israel, der ernsthaft über die Zukunft der Juden hier und über ein stabiles Abkommen zwischen ihnen und den Arabern nachdenkt“ hatte Akiva Orr deshalb bereits im Januar 1964 an die Leser von Matzpen geschrieben, „muss mindestens nicht-zionistisch, wenn nicht gar anti-zionistisch sein.“ So stand Matzpen für die Suche nach einer Neubegründung der israelischen Existenz im Nahen Osten. Einer Neubegründung, die die israelischen Juden ebenso von den Prämissen ihrer Ansiedlungsgeschichte entkoppeln, wie von der Last ihres Gründungskonflikts mit der arabischen Welt befreien sollte, um dadurch zugleich eine Anerkennung durch die palästinensischen Araber wie innerhalb der arabischen Welt zu erwirken. Dass sie eine solche Perspektive überhaupt formulieren konnten, verdankte sich zugleich dem sozialistischen Zukunftshorizont der Gruppe. Immerhin war es nicht weniger als eine soziale Revolution in der gesamten Region, von der sie nicht allein eine Verwandlung des israelischen Selbstverständnisses erhofften. Zugleich beinhaltete derlei Utopie die dringliche notwendige Modernisierung und Säkularisierung der arabischen Welt, die doch Voraussetzung von deren Bereitschaft war, die israelischen Juden als gleichberechtigte Nation in der Region anzuerkennen.

Eine solche Neubegründung einer israelischen Existenz, die ihre Legitimität allein auf Grund der faktischen Existenz am Ort bezöge, war indes nicht allein Ausdruck politischen Reflexion, sondern spiegelte zudem jene kulturelle Verwandlung, die Akiva Orr selbst repräsentierte. Aus den Kindern der jüdischen Einwanderer nach Palästina waren selbstbewusste Hebräer geworden, die den zionistischen Traum, die jüdische Diasporaerfahrung abzuschütteln, derart absolut realisieren wollten, dass sie die Legitimität ihrer nationalen Existenz weder politisch noch kulturell mit der jüdischen Erfahrung verbunden sahen. Als neue hebräische Nation hatten sie sich ganz selbstverständlich dem Land und der Region zugehörig empfinden wollen. „Israelis sind keine Juden, sondern hebräisch sprechende Goyim (Nichtjuden)“, pflegte Aki Orr stets zu sagen. Unter dem Titel „The UnJewish State“ hatte er 1984 darüber sein zweites Buch veröffentlicht. Als das Buch erschien lebte Orr schon lange in London. Gemeinsam mit seiner ersten Frau Lea und der gerade geborenen Tochter Sharon ließ er sich 1964 in der britischen Metropole nieder, um dort ein Studium der Kosmologie zu beginnen – gemeinsam mit der späteren Koryphäe Stephen Hawking. Der Palästinakonflikt sollte ihn aber auch in die Hauptstadt der einstigen Mandatsmacht nicht loslassen. Als die Zeichen wieder auf Krieg standen und sich 1967 die „dritte Runde“ im militärischen Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn ankündigte, gelang Aki einer seinen größten publizistischen Erfolge. Gemeinsam mit einer Gruppe arabischer Dissidenten, die sich in London unter dem Namen „Palestinian Democratic Front“ zusammengefunden hatte, verfasste er eine Erklärung gegen die sich ankündende Eskalation und für eine gemeinsame jüdische-arabische Perspektive im Nahen Osten. Als der Sechstagekrieg bereits in seinen vierten Tag ging, sollte die „gemeinsame israelisch-arabische Erklärung zur Nahostkrise“ am 08.Juni halbseitig in der Londoner Times erscheinen. Eine Erklärung, die wider den Zeitgeist von der gegenseitigen Anerkennung und Existenz des jeweils Anderen sprach.

Als sich die Neue Linke ein Jahr darauf in die 68er Bewegung verwandelte, sprach Aki Orr gemeinsam mit Moshé Machover nicht nur auf ungezählten Veranstaltungen und wurde zum „Lehrmeister der britischen Linken“ (Tariq Ali) über den Palästinakonflikt. Er war selbst zum 68er geworden. Er liebte die Musik der Zeit, war fasziniert von der Wirkung, die von Marihuana und LSD ausging, aber doch vor allem begeistert vom Rausch einer Zeit, die danach drängte, die Geschicke der Politik selbst in die Hand zu nehmen. Er schloss sich der Gruppe Solidarity an, die einen libertären Sozialismus vertraten und sich den Ideen des griechischen Philosophen Cornelius Castoriadis verschrieben – dem Kopf der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie −, dessen Texte Orr später selbst ins Hebräische übersetzte. Und ebenso wie das Haus Erich Frieds, der ganz in der Nähe von ihm lebte und bald ein Freund geworden war, zu den Anlaufstellen der Neuen Linken in London wurde, stand auch das Haus von Aki Orr Freunden aus aller Welt offen. Als eine „internationale Zugstation“ hatte der befreundete Haim Hanegbi den Ort in der Plympton-Road einmal bezeichnet, in dem auch Rudi Dutschke Unterkunft fand ebenso wie manche Israelis, nachdem sie das eigene Land ins selbstgewählte Exil verlassen hatten, hier ihre erste Adresse hatten. Man wusste, dass man bei Aki Orr immer unterkommen konnte und bis zu seinem Tod in Tenuvot sollte sich das nicht ändern. Er liebte es Menschen um sich zu haben, von denen er wusste, dass sie die gleiche Hoffnung der Aufhebung politischer Ungleichheit teilten. Das hatte ihn in London mit einer ganzen Anzahl von faszinierten Personen zusammengebracht und Freundschaften schließen lassen. Hier lernte er Joe Slovo kennen, der als Kind litauischer Juden nach Südafrika gekommen war, um später gemeinsam mit Nelson Mandela gegen die Apartheid zu kämpfen. Hier war er auch mit C.L.R. James, dem einstmals Vertrauten Leo Trotzkis, der später ein Buch über den Sklavenaufstand von Haiti schrieb, bekannt geworden und lernte Lajcsi Kain kennen, der zu den 220 Angeklagten des Prager Slansky-Prozesse zählte und nun Akiva Orr Einblicke in seine persönlichen Erfahrungen gab. Und hier hatte er sich voller Zuneigung mit Rosa Meyer-Levin angefreundet, die als Jugendliche aus einer Rabbinerfamilie zur kommunistischen Bewegung konvertiert war und nun eindrücklich über die ersten Dekaden des Zwanzigsten Jahrhunderts berichtete. Jahre später, als er bereits wieder in Israel lebte, hatte er ihnen allen mit seinem Buch Hevsekim (Blitzlichter) ein Denkmal gesetzt.

Nach Israel zurückgekehrt war er im Jahre 1990, um für seine Mutter, die noch in Kfar Shmaryahu lebte, zu sorgen. Und um wieder in dem Land zu leben, dass ihn doch niemals losgelassen hatte. Manchmal, wenn man mit ihm am Strand von Beit Yanai saß, dann fing er, schon 80 Jahre alt, an zu lachen und sagte: „Ich könnte jetzt auch im verregneten London sitzen; da bin ich doch lieber hier.“ Und hier fand er auch eine Anhängerschaft vor, die wieder hören wollte, was er zu sagen hatte und die sich in seine Tradition zu stellen bereit war. Einer neuen Generation von Israelis wollte er zum Aufklärer über ihre eigene Tradition werden. Ihnen hatte er deshalb auch seine weiteren Bücher zugedacht. Im Eigenverlag ließ er sie drucken, um sie schließlich zu verschenken oder auf seiner Internetseite zum Download anzubieten. Am wichtigsten war ihm darunter sein letztes Buch, das er im Jahre 2007 mit dem Titel „Big Business, Big Government or Direct Democracy. What should shape Society?“ abschloss. Es sollte eine Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts, ebenso wie eine Geschichte der sozialen und politischen Auseinandersetzungen werden, die ihn zeitlebens beschäftigt hatten. Und es sollte eine Fortschrittsgeschichte werden, die dem Projekt einer direkten Demokratie verpflichtet war, das ihm seit Mai 1968 ein Anliegen war. Auch deshalb aber fehlte in seiner Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts jenes Ereignis, an dem die Vorstellung von historischer Kontinuität und Fortschritt selbst zerbrochen war: der Holocaust. Zeit seines Lebens sollte ihm, der sich als hebräischer Israeli jenseits einer jüdischen Erfahrung erfinden wollte, die Vernichtung der Juden kein Thema werden, ja hatte er den Zivilisationsbruch umgangen. Doch in den dunklen Ecken seines Hauses stapelten sich die Bücher von Primo Levi oder Imre Kertesz. In seine Fortschrittsgeschichte hatten sich deren Erfahrungen indes nicht integrieren lassen. Stattdessen beharrte Akiva Orr auf einem ungebrochenen Vertrauen in die Geschichte ebenso wie in den Stand der technischen Möglichkeiten, die zu einer globalen Integration und Demokratisierung führen würden. So wollte er sich zuletzt noch durch den aufbrechenden arabischen Frühling bestätigt finden, der schließlich nicht wenig von den Potentialen der modernen Kommunikationstechnologien angeschoben war. Da mochte es manchmal fast schon fortschrittsgläubig erscheinen, wenn er auf sein Handy zeigte, um zu bedeuten, dass es als das Medium der Einbeziehung aller Menschen in demokratische Entscheidungsprozesse dienen könnte. Letztendlich aber trieb ihn damit nichts Geringeres an als die fortgesetzte Hoffnung auf das uneingelöste Projekt der Moderne: dass Menschen ihre Geschichte selbst in die Hand nehmen und dadurch zu einer geeinten Menschheit heranwachsen. In einer Zeit, in der der Erwartungshorizont der Zukunft zunehmend verloren geht, war das gar nicht wenig. Lutz Fiedler

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